Vier Minuten

Ich stehe heute hier für all die, die nach 9 Monaten Schwangerschaft ihr Kind nicht im Arm halten können. Und besonders für die unter ihnen, die sich noch einmal - warum und wann auch immer – gegen ihr Kind entscheiden müssen...

Ich habe vier (4) Minuten, um von meinen Kindern zur erzählen. Vier Minuten für vier Kinder. Wie kann ich dem in der Kürze der Zeit gerecht werden?

Die längste Zeit mit mir war Lea. 21,6 Schwangerschafts-wochen. Vier Wochen davon in der Gewissheit, dass sie nie leben wird. Weihnachten 2006. Eine hochheilige Familie. Nur das Kind... das Kind nicht in der Krippe, das Kind noch im Bauch. Und alles in der Gewissheit: Nicht lebensfähig. Nie leben. Sterben. Diagnose: Freie Trisomie 18. Edwards Syndrom...

Wie gehe ich mit dem Sterben, dem Tod meines Kindes um?! Wie, wenn das vor seiner Zeit sein soll?! Vor seinem geboren werden?!

Ich kann es halten – das Kind, dass da in mir ist. Es in mir behalten, so lange es will. Und doch nie lebendig im Arm halten. Ich kann es nicht festhalten. Bei mir behalten... Es ist ihm anderes bestimmt. Diesem kleine Kind, dessen Herz in mir schlägt. Das mir beim Ultraschall zu winkt. Das während der Fruchtwasserpunktion nach der langen Kanüle, die durch meinen Bauch in seinen Lebensraum eindringt, greifen will.

Ich kann es tragen – das Kind, dass da in mir wächst.

Am 19. Dezember 2006 Gewissheit: Der Verdacht ist bestätigt. Ich muss mich entscheiden. Entscheiden zwischen halten und tragen. Zwischen Leben und Tod. Ich kann nicht. Ich will nicht. Und doch - ich entscheide mich. Ich spreche, das Unaussprechliche aus. Das was beim ersten Verdacht, dass das Kind krank sein kann, bereits feststand. Ich werde die Schwangerschaft beenden...

Ich werde gehalten. Ich werde getragen: Das Telefonat mit dem Genetiker räumt alle rationalen Bedenken aus. Lea, die sich vergeblich Bemühende – am 19. Dezember 2006 erhält sie ihren Namen, wird ihre Geburt höchsten um ein paar Tage überleben. Sollte sie den errechneten Geburtstermin - 25. Mai 2007 – erreichen.

Man ist nicht in der Lage mich zu stützen: Die Gynäkologin – am 21.Dezember 2006 - die mir das Gefühl vermittelt, ich sei die erste Fall in ihrer Berufspraxis, der in einen Schwangerschaftsabbruch endet.

Man ist nicht in der Lage mich zu begleiten: Das Klinikum St. Georg, wo man mich medizinisch behandelt. Hier wird Lea am 04. Januar 2007 um 2:15 Uhr mit 19 cm und 189 gr geboren. Gestorben während der Geburt.

Und ich werde getragen – von Leas Vater, der bei allem mit mir ist. Da, wo es auch für ihn das Halten durch andere braucht. Gestützt: von Freunden, die für uns da sind. Begleitet: Von Menschen, die ich kennen lernen darf, weil auch sie ein Kind während der Schwangerschaft verloren haben.

Lea – du gehörst zu meinem Leben. Du hast deinen Platz. Du bist mein drittes Kind. Und du hinterlässt keine Leere. Lediglich eine Leerstelle in meinem Leben, die mal mehr und mal weniger schmerzt. Und gerade jetzt – wo sich das Zeitfenster deines Verlierens zum 5ten mal wiederholt - wird mir immer öfter bewusst, was sein könnte. Es fehlt ein 4 ½ jähriges Mädchen. Lebendig, lachend, schon vieles selber machend, trotzig, tobend, vielleicht auch eifersüchtig... Besonders jetzt – in dieser Zeit – wo ich deinen kleinen, großen Bruder – mein sechstes Kind - seit sieben Monaten im Arm halten darf.

05.12.2011

Erfahrungsbericht für die Gedenkfeier verstorbener Kinder, Nikolaikirche Leipzig, 11. Dezember 2011


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